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ADHS, Hochsensibilität oder beides? Was Coaches wirklich wissen müssen

ADHS, Hochsensibilität oder beides? Was Coaches wirklich wissen müssen

  • „Ich bin schnell reizüberflutet.“
  • „Ich nehme alles zu stark wahr.“
  • „Ich kann mich schlecht fokussieren, wenn zu viel um mich herum passiert.“
  • „Ich brauche viel Rückzug – und gleichzeitig bekomme ich mein Leben manchmal trotzdem nicht organisiert.“
Solche Sätze hören Coaches häufig. Und genau hier beginnt die Verwechslung: Ist das ADHS? Hochsensibilität? Beides? Oder etwas ganz anderes?
Für die Coaching-Praxis ist diese Unterscheidung wichtig. Nicht, weil Coaches Diagnosen stellen sollen. Sondern weil ähnliche Alltagsbeschreibungen sehr unterschiedliche Hintergründe haben können. Wer alles vorschnell als „Hochsensibilität“ einordnet, übersieht unter Umständen eine abklärungsbedürftige ADHS-Symptomatik. Wer umgekehrt jede Reizoffenheit sofort pathologisiert, macht aus einem Temperamentsmerkmal unnötig ein Problem. Genau diese Differenzierung ist professionelle Arbeit.

Warum die Verwechslung so häufig ist

Auf der Verhaltensebene gibt es echte Überschneidungen. Sowohl Menschen mit ADHS als auch Menschen mit hoher Sensitivität berichten häufiger von Reizüberflutung, sozialer Erschöpfung, emotionaler Intensität, schneller Überforderung in dichten Umgebungen und dem Gefühl, „anders“ zu funktionieren. Dazu kommt, dass die neuere Forschung sensorische Auffälligkeiten bei ADHS deutlich ernster nimmt als noch vor einigen Jahren. Eine Meta-Analyse von 2025 mit 30 Studien und insgesamt 5.374 Teilnehmenden zeigte signifikant höhere Werte bei ADHS in mehreren sensorischen Bereichen, darunter Sensitivität, Vermeidung, Sensation Seeking und niedrige sensorische Registrierung.

Genau deshalb reicht im Coaching keine schnelle Oberflächenlogik wie: „reizoffen = hochsensibel“ oder „chaotisch = ADHS“. Seriöser ist die Frage: Wo liegt der Kern des Problems – in der Reizverarbeitung, in der Selbststeuerung oder in beidem?

Was ADHS im klinischen Sinn meint

ADHS ist nach ICD-11 eine neurodevelopmentale Störung mit einem anhaltenden Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität, das über mindestens sechs Monate besteht, vor dem 12. Lebensjahr begonnen hat, in mehreren Lebensbereichen sichtbar ist und zu funktioneller Beeinträchtigung führt. Die ICD-11 unterscheidet eine vorwiegend unaufmerksame, eine vorwiegend hyperaktiv-impulsive und eine kombinierte Präsentation. Wichtig für Coaches: Die Schwierigkeiten zeigen sich nicht gleichmäßig in jeder Situation. Die WHO beschreibt ausdrücklich, dass sie bei Aufgaben mit hoher Stimulation oder unmittelbarer Belohnung teilweise deutlich weniger auffallen können.
Für die Praxis ist außerdem Barkleys Perspektive hilfreich. In seinem einflussreichen Modell versteht er ADHS weniger als bloßes „Aufmerksamkeitsproblem“ und stärker als Störung der Selbstregulation am Punkt der Ausführung – also dort, wo es um Selbststeuerung, Inhibition, Arbeitsgedächtnis, Selbstmotivation und Emotionskontrolle geht. Das ist auch der Grund, warum viele Klient:innen mit ADHS sehr genau wissen, was sie tun sollten – und es trotzdem im Alltag nicht konsistent umsetzen können. Für Coaching ist das ein zentraler Unterschied. Mehr Einsicht allein löst oft nicht das Problem.
Auch emotionale Dysregulation gehört in dieses Bild, allerdings mit sauberer Einordnung. Die Forschung zeigt deutlich, dass Erwachsene mit ADHS häufiger Schwierigkeiten in der Emotionsregulation berichten und im Vergleich zu Kontrollgruppen häufiger maladaptive Regulationsstrategien nutzen. Gleichzeitig ist emotionale Dysregulation bislang kein offizielles ICD-11-Kernkriterium, sondern ein häufiges und klinisch relevantes Begleitmerkmal. Für Coaching ist das hochrelevant, weil emotionale Themen oft der Anlass sind, warum Betroffene überhaupt Unterstützung suchen.

Was mit „Hochsensibilität“ wissenschaftlich gemeint ist

Der alltagssprachliche Begriff Hochsensibilität bezieht sich in der Forschung meist auf Sensory Processing Sensitivity (SPS). SPS gilt nicht als psychische Störung, sondern als Temperaments- bzw. Persönlichkeitsmerkmal im Rahmen der Environmental Sensitivity. Menschen mit hoher SPS reagieren tendenziell sensibler auf Umwelteinflüsse, verarbeiten Reize tiefer, bemerken Feinheiten früher, geraten leichter in Überstimulation und reagieren oft stärker – nicht nur auf Belastung, sondern auch auf förderliche Umgebungen. Gerade dieser letzte Punkt ist wichtig: SPS bedeutet nicht einfach „schnell überfordert“, sondern stärker kontextabhängig.

Ebenso wichtig ist: SPS ist dimensional. Neuere Arbeiten beschreiben sie eher als Kontinuum als als starre Ja-nein-Kategorie. Menschen unterscheiden sich also im Ausmaß ihrer Sensitivität, statt sauber in „hochsensibel“ und „nicht hochsensibel“ zu zerfallen. Für Coaching heißt das: Hochsensibilität ist keine schnelle Schublade, sondern eher ein Muster von Wahrnehmungs- und Verarbeitungstiefe, das je nach Umfeld zu Belastung oder zu besonderer Stärke werden kann.

Hochsensibilität ist nicht dasselbe wie sensorische Störung

Hier wird es in vielen populären Texten unsauber. Sensory Processing Sensitivity ist nicht dasselbe wie sensorische Verarbeitungsstörung oder die Messlogik klassischer Sensory-Profile-Instrumente. Eine wichtige Vergleichsarbeit von Turjeman-Levi und Kluger kam zu dem Ergebnis, dass die gängigen SPS-Skalen vor allem die emotionale Reaktion auf Stimulation erfassen, während Sensory-Profile-Instrumente eher Verhaltensreaktionen auf Reize abbilden. Für Coaches ist das zentral: Sonst wird aus einem Temperamentsmerkmal schnell ein klinisch klingendes Defizit.

Wo sich ADHS und Hochsensibilität überlappen – und wo nicht

Die Forschung zeigt inzwischen recht klar: Menschen mit ADHS berichten im Durchschnitt häufiger atypische sensorische Erfahrungen. Gleichzeitig zeigen neuere Arbeiten auch positive Zusammenhänge zwischen SPS und ADHS-Merkmalen in Bevölkerungsstichproben. Eine Studie aus 2025 fand, dass SPS und ihre Subdimensionen positiv mit Unaufmerksamkeit sowie Hyperaktivität-Impulsivität zusammenhängen; Personen mit selbstberichteter ADHS-Diagnose erreichten im Mittel höhere SPS-Werte als Personen ohne ADHS. Das heißt: Die Frage „oder beides?“ ist keineswegs abwegig. Überlappung ist real – Gleichsetzung aber nicht.

Für die Praxis hilft eine einfache Unterscheidung: Wenn vor allem Organisation, Zeitgefühl, Aufgabenbeginn, Dranbleiben, Priorisierung, Vergesslichkeit, Impulskontrolle und stark kontextabhängige Leistungsfähigkeit im Vordergrund stehen – und zwar über Jahre, in mehreren Lebensbereichen und oft seit Kindheit oder Jugend –, spricht das eher in Richtung ADHS.

Wenn dagegen vor allem Reizintensität, atmosphärische Feinwahrnehmung, tiefe Verarbeitung, starkes Bedürfnis nach Rückzug, Überstimulation durch Lärm, Tempo oder soziale Dichte im Zentrum stehen, bei insgesamt relativ intakter Selbstorganisation, solange die Umgebung passt, ist SPS als Erklärung oft näherliegend.

Und dann gibt es die dritte Gruppe: Menschen, bei denen beides zusammenkommt. Hohe Reizoffenheit und deutliche Schwierigkeiten in Selbststeuerung, Alltagsorganisation und Emotionsregulation. Gerade diese Klient:innen werden im Coaching oft missverstanden. Sie bekommen dann entweder nur „mehr Struktur“ oder nur „mehr Selbstfürsorge“ – obwohl eigentlich beides gebraucht wird. Genau hier wird differenziertes, neuroaffirmatives Coaching wichtig. Für die Praxis hilft eine einfache Leitfrage: Wo liegt der Kern des Problems?

Was das konkret für Coaching bedeutet

Bei stärker ausgeprägter SPS liegen Coaching-Hebel häufig in Reizmanagement, Dosierung, Recovery-Zeiten, Grenzsetzung, Umgebungsdesign, Selbstakzeptanz und dem bewussten Umgang mit intensiver Wahrnehmung. Hier geht es oft weniger um „Defizitkorrektur“ als um bessere Passung zwischen Person und Kontext. Das ist auch deshalb wichtig, weil Umweltqualität bei hoher Sensitivität oft besonders stark auf Wohlbefinden wirkt.

Bei ADHS liegen die Hebel oft woanders: externe Struktur statt nur innere Einsicht, kleinere Handlungseinheiten, Erinnerungssysteme, visuelle Hilfen, Entlastung des Arbeitsgedächtnisses, Reduktion von Friktion und ein bewusster Umgang mit Motivation am Punkt der Ausführung. Genau das passt zu Barkleys Modell: Menschen mit ADHS profitieren häufig weniger von noch mehr Verstehen als von besser gestalteten Rahmenbedingungen, die Selbststeuerung im Alltag konkret unterstützen.

Wenn beides vorliegt, braucht es meist beides: sensorische Dosierung und externe Regulation. Mehr Selbstfürsorge allein reicht dann oft nicht. Mehr Kalender allein aber auch nicht. Und genau deshalb sind Standard-Coaching-Methoden in diesem Feld manchmal zu grob. Die NTA beschreibt ihre Neurodivergenz-Weiterbildung passend dazu als Arbeit mit angepassten, neuroaffirmativen Methoden statt One-size-fits-all-Coaching.

Wann Coaches an eine Diagnostische Abklärung denken sollten

Coaches diagnostizieren nicht. Aber sie sollten erkennen, wann eine diagnostische oder klinische Abklärung sinnvoll sein kann. Das gilt besonders dann, wenn die Probleme seit Kindheit oder Jugend bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten, zu deutlicher funktioneller Beeinträchtigung führen oder wenn neben Reizoffenheit auch starke Probleme in Organisation, Inhibition, Emotionsregulation oder Impulsivität sichtbar werden. Die ICD-11 betont genau diese Konstellation von Persistenz, Mehrbereichsbeteiligung und Beeinträchtigung.

Ebenso wichtig: Nicht jede Reizoffenheit ist ADHS oder SPS. Auch Angst, chronischer Stress, Depression, Trauma-Folgen, Schlafmangel oder Autismus können Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung und emotionale Regulation deutlich beeinflussen. Gerade deshalb braucht es im Coaching keine Schnelllabels, sondern bessere Beobachtung, präzisere Fragen und im Zweifel die Bereitschaft zur Weiterverweisung.

Fazit

Entscheidend ist nicht, möglichst schnell ein Etikett zu finden. Entscheidend ist, das Muster hinter dem Erleben präzise zu erkennen.
ADHS und Hochsensibilität können sich im Alltag ähnlich anfühlen – wissenschaftlich sind sie aber nicht dasselbe. ADHS ist eine neurodevelopmentale Störung mit klaren ICD-11-Merkmalen, funktioneller Beeinträchtigung und oft deutlichen Schwierigkeiten in Selbstregulation und Ausführung. Hochsensibilität beziehungsweise SPS ist ein Temperamentsmerkmal erhöhter Umwelt-Sensitivität, das mit tieferer Verarbeitung, stärkerer Reizoffenheit und leichterer Überstimulation einhergehen kann, ohne per se pathologisch zu sein. Beides kann zusammen auftreten. Genau deshalb brauchen Coaches keine Schnelllabels, sondern bessere Einordnung, neuroaffirmative Haltung und Methoden, die wirklich passen.
In der NTA-Weiterbildung zu Neurodivergenz lernst du, ADHS, Autismus-Spektrum, Hochsensibilität, Hochbegabung und andere Neurodivergenzen nicht nur begrifflich zu unterscheiden, sondern deine Coaching-Arbeit neuroaffirmativ und neurobiologisch fundiert darauf auszurichten – damit Standardmethoden nicht ins Leere laufen, sondern wirklich passen.

Quellen

World Health Organization. Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders (2024). ISBN: 978-92-4-007726-3. who.int/publications

Barkley, R. A. Improving Clinical Diagnosis Using the Executive Functioning—Self-Regulation Theory of ADHD. The ADHD Report, 30(1), 1–7 (2022). doi.org/10.1521/adhd.2022.30.1.1

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2026-03-29 16:09 Neurodivergenz