Was Dissoziation einfach gesagt bedeutet
Viele Betroffene beschreiben Dissoziation mit Sätzen wie: „Ich war plötzlich wie weg", „Alles fühlte sich unwirklich an" oder „Ich habe funktioniert, aber war nicht wirklich da." Das Gemeinsame: Das Erleben verliert vorübergehend seinen inneren Zusammenhang. Man ist nicht bewusstlos, sondern eher abgetrennt — wie im Nebel, auf Autopilot oder als würde man sich selbst von außen beobachten.
Dissoziation ist ein Spektrum. Am milden Ende stehen alltägliche Phänomene: In ein Buch versinken und die Umgebung ausblenden, auf einer langen Autofahrt ein Stück Strecke „verlieren" oder in Momenten starker Erschöpfung kurz den Faden verlieren. Am anderen Ende stehen ausgeprägte Zustände, in denen Zeit, Körpergefühl, Erinnerung oder das Identitätserleben deutlich fragmentiert sind.
Von einer dissoziativen Störung im klinischen Sinne spricht man nicht wegen eines einzelnen Moments, sondern wenn die Episoden wiederkehren, deutlichen Leidensdruck verursachen oder die Funktionsfähigkeit in Alltag, Beruf oder Beziehungen einschränken. Das ICD-11 klassifiziert dissoziative Störungen in mehreren Unterformen — von dissoziativer Amnesie über die Depersonalisations-/Derealisationsstörung bis hin zur dissoziativen Identitätsstörung (6B60–6B66).
Viele Menschen denken bei Dissoziation an etwas Extremes. In der Praxis beginnt sie oft viel unscheinbarer. Jemand hört noch zu, antwortet sogar, ist innerlich aber nicht mehr richtig da. Das Erleben verliert vorübergehend seinen Zusammenhang. Das kann Wahrnehmung, Erinnerung, Gefühle, Zeitgefühl oder Körpererleben betreffen. Leichte Formen kennen viele Menschen, etwa beim Wegdriften oder beim totalen Funktionieren unter Stress. Wirklich relevant wird Dissoziation dann, wenn sie wiederkehrt, belastet oder den Alltag deutlich stört.
Wie fühlt sich Dissoziation an? Symptome im Überblick
Dissoziation kann sehr unterschiedlich erlebt werden. Manche Menschen fühlen sich innerlich taub oder leer. Andere erleben ihre Umgebung wie hinter einer Glasscheibe. Wieder andere beschreiben, dass ihr eigener Körper plötzlich fremd wirkt oder weit weg erscheint. Zwei Begriffe fallen dabei besonders häufig:
Depersonalisation: Das eigene Selbst, der Körper oder das eigene Denken fühlen sich fremd, unwirklich oder wie „nicht zu mir gehörend" an. Betroffene berichten häufig, sich wie ein Beobachter des eigenen Lebens zu fühlen.
Derealisation: Die Umgebung wirkt unwirklich, flach, weit entfernt oder traumartig — als würde man einen Film anschauen statt wirklich anwesend zu sein.
Beide Phänomene können einzeln oder gemeinsam auftreten. Das ICD-11 führt die Depersonalisations-Derealisationsstörung als eigene Diagnose (6B66). Bei stärkerer Dissoziation können zusätzlich Erinnerungslücken (dissoziative Amnesie), ein verändertes Zeitempfinden, das Gefühl von „Wegdriften" oder ein plötzlicher Abriss des inneren Kontakts auftreten.
Nicht alle Betroffenen erleben dieselben Symptome. Manche beschreiben eher sensorische Veränderungen (Taubheit, veränderte Schmerzwahrnehmung), andere eher kognitive (Konzentrationsverlust, Denkblockaden) oder emotionale (plötzliche Leere, Gefühl innerer Abwesenheit). Diese Vielfalt macht eine differenzierte, nicht pathologisierende Sprache umso wichtiger.
Dissoziation fühlt sich nicht bei allen Menschen gleich an. Manche fühlen sich innerlich taub. Andere erleben ihre Umgebung wie hinter Glas. Wieder andere sagen, der eigene Körper wirke fremd oder weit weg. Genau deshalb ist eine einfache, nicht dramatisierende Sprache auf der Website so wichtig: Viele Betroffene erkennen sich eher in alltagsnahen Beschreibungen als in Fachwörtern wieder.
Dissoziation und Trauma: Ursachen und Zusammenhänge
Die Verbindung zwischen Dissoziation und Trauma ist empirisch gut belegt. Besonders bei chronischer, interpersoneller oder früher Traumatisierung treten dissoziative Symptome häufig auf. Neurobiologisch lässt sich das damit erklären, dass das Nervensystem bei überwältigender Bedrohung in einen Zustand wechselt, in dem Abschalten und Entkoppeln adaptiver ist als Kampf oder Flucht. In der
Polyvagaltheorie wird dies als dorsovagale Reaktion beschrieben — ein phylogenetisch alter Schutzmechanismus, der bei extremer Überforderung aktiviert wird (Porges, 2011).
Dissoziation ist jedoch nicht ausschließlich eine Traumafolge. Aktuelle Reviews beschreiben Depersonalisation und Derealisation als transdiagnostische Phänomene, die auch bei Angststörungen, Depression, Borderline-Persönlichkeitsstörung oder psychotischen Symptomen auftreten können (Hunter, Sierra & David, 2004; Lyssenko et al., 2018). Auch somatische Auslöser wie Schlafentzug, bestimmte Substanzen, Migräne oder Epilepsie können dissoziative Zustände hervorrufen.
In der klinischen Forschung wird zunehmend zwischen struktureller Dissoziation (eine dauerhafte Fragmentierung des Persönlichkeitssystems, wie sie bei komplexen Traumafolgestörungen vorkommt) und funktioneller Dissoziation (vorübergehende Entkopplung als Reaktion auf akuten Stress) unterschieden (Van der Hart, Nijenhuis & Steele, 2006). Für die Arbeit im Coaching ist vor allem die funktionelle Dissoziation relevant — also der Moment, in dem ein Klient in der Sitzung „wegdriftet" oder den Kontakt verliert.
Dissoziation im Coaching erkennen
In einer Coaching-Sitzung kann Dissoziation sehr subtil auftreten. Die folgende Übersicht zeigt typische Hinweise auf verschiedenen Beobachtungsebenen:
Blick & Mimik: Starrer oder glasiger Blick, ausdruckslose Mimik, fehlendes Blinzeln
Stimme: Plötzlich flach, monoton, leiser oder deutlich langsamer werdend
Reaktionszeit: Lange Pausen, verzögertes Antworten, scheinbare Abwesenheit
Motorik: Verlangsamung, Erstarren, unwillkürliche Bewegungen oder Tonusverlust
Körpererleben: Aussagen wie „Ich spüre mich kaum" oder „Mein Körper fühlt sich fremd an"
Kognition: Verwirrung, Orientierungslosigkeit, Erinnerungslücken an eben Gesagtes
Wichtig: Dissoziation in der Sitzung ist kein Zeichen von Widerstand, Desinteresse oder mangelnder Motivation. Im traumasensiblen Arbeiten ist sie ein Signal dafür, dass das Nervensystem gerade überlastet ist. Im ersten Schritt ist dann nicht mehr Tiefe gefragt, sondern mehr Sicherheit, Orientierung und Regulation.
Wie du Dissoziation in der Coaching-Sitzung erkennst und was dann hilft, beschreiben wir ausführlich im Beitrag
Dissoziation im Coaching erkennen.
Was hilft bei Dissoziation? Stabilisierung im Moment
Wenn jemand in einer Sitzung dissoziiert, ist meistens weniger mehr. Ziel ist nicht, die Dissoziation „aufzulösen", sondern die Person behutsam zurück in den gegenwärtigen Moment zu begleiten:
Tempo reduzieren: Innehalten, langsamer sprechen, Pausen lassen. Kein Drängen.
Sensorische Orientierung: Beide Füße am Boden spüren. Drei Dinge im Raum benennen. Einen Gegenstand in der Hand fühlen. Einen Schluck Wasser trinken. Die Temperatur im Raum bewusst wahrnehmen.
Räumliche Orientierung: Blickkontakt anbieten (nicht erzwingen). Benennen, wo man sich befindet. Auf Uhr oder Kalender hinweisen.
Stimmliche Regulation: Ruhig, klar und in normaler Lautstärke sprechen. Kurze Sätze. Den Namen der Person nutzen.
Diese Techniken werden in Therapie und Stabilisierungsarbeit häufig eingesetzt und klinisch als hilfreich beschrieben. Wichtig ist jedoch die wissenschaftlich ehrliche Einordnung: Die Wirksamkeit einzelner Grounding-Techniken ist bislang nicht durch ausreichend randomisierte kontrollierte Studien belegt.
Es gibt vielversprechende Hinweise, aber noch keine ausreichende Evidenzbasis, um einzelne Techniken als „evidenzbasiert" im strengen Sinne zu bezeichnen (Tull & Gratz, 2022). Die Empfehlung lautet daher: Grounding-Techniken gezielt und individuell einsetzen, aber keine pauschalen Wirkversprechen formulieren.
Was du bei Dissoziation besser nicht tust
Genauso wichtig wie das, was hilft, ist das, was in einem dissoziativen Moment schaden kann:
Nicht drängen. Kein „Komm zurück", kein „Konzentrier dich", kein forderndes Tempo.
Nicht nach Traumainhalten fragen. Fragen wie „Was ist damals passiert?" können die Dissoziation vertiefen statt auflösen.
Nicht interpretieren. Sätze wie „Du dissoziierst gerade, weil..." sind in dem Moment nicht hilfreich. Erst stabilisieren, dann einordnen.
Nicht explorativ weiterarbeiten. In der traumasensiblen Arbeit gilt: Bei deutlicher Dissoziation hat Stabilisierung Vorrang. Exploratives Weiterarbeiten kann die Überlastung des Nervensystems verstärken.
Nicht auf kognitive Methoden setzen. Kognitive Interventionen (Reflexionsfragen, Umstrukturierung) greifen bei Dissoziation in der Regel nicht, weil der präfrontale Cortex in diesem Zustand eingeschränkt arbeitet.
Wann professionelle Hilfe notwendig ist
Die Grenze zwischen Coaching und Psychotherapie ist bei dissoziativen Phänomenen besonders relevant. Folgende Konstellationen erfordern eine psychotherapeutische oder fachärztliche Abklärung:
— Dissoziation tritt häufig oder in zunehmender Intensität auf
— Es bestehen relevante Erinnerungslücken (Minuten bis Stunden, nicht erklärbar durch Substanzen oder Schlaf)
— Das Gefühl von Unwirklichkeit ist anhaltend oder stark belastend
— Alltag, Beziehungen oder Arbeitsfähigkeit sind spürbar beeinträchtigt
— Es gibt Hinweise auf eine komplexe Traumafolgestörung oder dissoziative Identitätsstörung
Die NICE-Leitlinie NG116 (2018) nennt Dissoziation ausdrücklich als mögliches Symptom bei PTBS und komplexer PTBS. Das ICD-11 führt dissoziative Störungen als eigene diagnostische Kategorie.
Für Coaches ist die Rollenklarheit entscheidend: Dissoziative Zustände erkennen, regulierend begleiten und bei Bedarf an qualifizierte Fachpersonen weiterverweisen — aber nicht traumatherapeutisch behandeln.
Quellen
[1] World Health Organization (2019). ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: 6B60–6B6Z Dissociative disorders.
[2] National Institute for Health and Care Excellence (2018). Post-traumatic stress disorder. NICE guideline NG116.
[3] Hunter, E. C. M., Sierra, M. & David, A. S. (2004). The epidemiology of depersonalisation and derealisation: A systematic review. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 39(1), 9–18.
[4] Lyssenko, L., Schmahl, C., Bockhacker, L., Vonderlin, R., Bohus, M. & Hillmann, K. (2018). Dissociation in psychiatric disorders: A meta-analysis of studies using the Dissociative Experiences Scale. American Journal of Psychiatry, 175(1), 37–46.
[5] Brand, B. L. & Loewenstein, R. J. (2010). Dissociative disorders: An overview of assessment, phenomenology, and treatment. Psychiatric Times, 27(10), 62–69.
[6] Tull, M. T. & Gratz, K. L. (2022). Emotion regulation and grounding in PTSD. In: Handbook of PTSD, 3rd ed. Guilford Press.
[7] Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation. Norton.
[8] Van der Hart, O., Nijenhuis, E. R. S. & Steele, K. (2006). The Haunted Self: Structural Dissociation and the Treatment of Chronic Traumatization. Norton.