Eine Szene aus der Praxis
Eine Klientin beschreibt, dass sie Struktur braucht. Ohne festen Plan geht bei ihr nichts — Termine, Listen, gleiche Abläufe. Sie hat sich ein System aufgebaut, das funktioniert.
Zwei Wochen später hat sie das System verworfen. Es sei zu eng gewesen, sie habe sich nicht ertragen können darin. Jetzt probiert sie etwas Neues.
Beim dritten Termin ist auch das neue System weg.
Eine naheliegende Deutung: Sie weiß nicht, was sie will. Eine zweite: Sie sabotiert sich. Eine dritte: Das Coaching greift nicht, vielleicht braucht sie Therapie.
Es gibt eine vierte Möglichkeit. Vielleicht stimmt beides, was sie sagt. Vielleicht braucht ein Teil von ihr Ordnung und Vorhersagbarkeit — und ein anderer Teil hält Gleichförmigkeit nicht aus und braucht Neues, um überhaupt in Bewegung zu kommen. Nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.
Eine Frau, die Emma Craddock 2026 für ihre Studie befragte, hat das so formuliert: „Mein Autismus erzeugt ein Bedürfnis nach Ordnung — und meine ADHS stört es mit ihrem chaotischen Drang nach Neuem."
Wer diese Konstellation nicht kennt, sucht den Fehler bei der Klientin oder bei sich. Wer sie kennt, stellt andere Fragen.
Was AuDHD bezeichnet — und was nicht
AuDHD ist ein Kurzwort aus der Community, zusammengesetzt aus Autism und ADHD. Es beschreibt Menschen, auf die Merkmale beider Beschreibungen zutreffen.
Drei Klarstellungen sind wichtig:
Es ist keine Diagnose. AuDHD steht weder in der ICD-11 noch im DSM-5. Was es gibt, sind zwei Einzeldiagnosen, die seit 2013 gemeinsam vergeben werden dürfen. Der Begriff ist also eine Beschreibung von Erfahrung, keine klassifikatorische Kategorie.
Es ist auch keine dritte Störung. Es gibt bislang keine belastbare Evidenz dafür, dass AuDHD ein eigenständiges Krankheitsbild mit eigener Ursache wäre. Was es gibt, sind Hinweise, dass die Kombination anders aussieht als die Summe — dazu unten mehr.
Und es ist nicht randständig. Die Kombination ist häufiger als jede der beiden Diagnosen allein in den meisten Lehrbüchern vermuten lässt.
Emma Craddock hat für diesen Zwischenzustand einen treffenden Ausdruck geprägt: eine Restkategorie, die in den Klassifikationssystemen nicht vorkommt. Menschen, die darin leben, erleben eine Spannung zwischen dem, was sie an sich beobachten, und dem, was die Systeme vorsehen.
Die Wende von 2013: Warum es lange nicht sein durfte
Das ist der Punkt, an dem sich vieles erklärt.
Bis einschließlich DSM-IV galt eine Ausschlussregel: Wer eine Autismus-Diagnose hatte, konnte keine ADHS-Diagnose bekommen — und umgekehrt. Die beiden Kategorien wurden als sich gegenseitig ausschließend behandelt.
DSM-5 hat diese Regel 2013 aufgehoben. Seither ist die Doppeldiagnose zulässig.
Die Folgen dieser Umstellung wirken bis heute nach, und zwar in drei Richtungen:
Die Forschung hinkt hinterher. Studien, die vor 2013 entstanden, haben die Kombination systematisch aus ihren Stichproben ausgeschlossen. Ein erheblicher Teil dessen, was wir über Autismus und über ADHS zu wissen glauben, stammt aus Stichproben, aus denen AuDHD herausgefiltert wurde.
Die Ausbildungen hinken hinterher. Wer seine Ausbildung vor 2015 abgeschlossen hat, hat gelernt, dass es diese Kombination nicht gibt. Das war der Stand der Lehre.
Und die Betroffenen tragen die Lücke. Viele Erwachsene mit beiden Beschreibungen haben jahrzehntelang eine Diagnose gehabt, die zur Hälfte gepasst hat — und die andere Hälfte ihrer Erfahrung blieb unerklärt.
Wie häufig ist die Kombination?
Zwei Zahlen sind belastbar, und sie sind nicht spiegelbildlich zu lesen.
Von autistischen Menschen erfüllen rund 38 Prozent zusätzlich die Kriterien für ADHS. Ying Rong und Kolleg:innen haben 2021 dazu 63 Studien zusammengeführt: aktuelle Prävalenz 38,5 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 34,0 bis 43,2), auf die Lebenszeit bezogen 40,2 Prozent. Die Werte schwanken erheblich je nach Alter, Untersuchungssetting und angelegten Kriterien.
Umgekehrt zeigen etwa 22 Prozent der Erwachsenen mit ADHS erhöhte Autismus-Merkmale. Giulio Brancati und Kolleg:innen untersuchten 105 Erwachsene einer psychiatrischen Ambulanz; 23 von ihnen fielen im Screening auf.
Ein Hinweis zur Einordnung, den man selten liest: Diese beiden Zahlen messen nicht dasselbe. Die erste beruht auf Diagnosen, die zweite auf einem Screening-Fragebogen. Ein auffälliges Screening ist keine Diagnose. Wer die Zahlen gegeneinanderstellt, vergleicht unterschiedliche Verfahren.
Was man trotzdem festhalten kann: In beiden Richtungen geht es um Größenordnungen zwischen einem Fünftel und zwei Fünfteln. Das ist kein Sonderfall. In einer Praxis mit neurodivergenten Klient:innen ist die Kombination eher Regel als Ausnahme.
Warum es keine Addition ist
Das ist der inhaltliche Kern — und der Grund, warum Standardstrategien bei diesen Menschen so oft scheitern.
Wer nur ADHS-Merkmale hat, profitiert typischerweise von Struktur, Außenreizen, Abwechslung, kurzen Wegen zur Belohnung. Wer nur autistische Merkmale hat, profitiert typischerweise von Vorhersagbarkeit, reizarmen Umgebungen, gleichbleibenden Abläufen, langer Vertiefung.
Bei AuDHD liegen beide Bedürfnisse gleichzeitig vor — und sie widersprechen sich an mehreren Stellen:
Routine gegen Neuheit. Das eine System braucht Gleichförmigkeit, um sich sicher zu fühlen. Das andere verliert bei Gleichförmigkeit die Handlungsfähigkeit.
Reizarmut gegen Reizbedarf. Zu viel Reiz führt zur Überlastung. Zu wenig Reiz führt dazu, dass gar nichts in Gang kommt.
Tiefe gegen Wechsel. Der Wunsch, sich lange in eine Sache zu versenken, trifft auf eine Aufmerksamkeit, die springt.
Deshalb funktioniert bei diesen Klient:innen häufig weder das eine noch das andere Standardvorgehen — und deshalb wirkt es von außen wie Widersprüchlichkeit oder fehlende Verbindlichkeit. Es ist aber keine Unentschiedenheit. Es sind zwei reale Bedürfnisse, die sich nicht gleichzeitig erfüllen lassen.
Craddocks Befragte haben das auch in ihrem Verhältnis zu den beiden Beschreibungen ausgedrückt. Eine sagte: „Autismus ist ein Teil von mir, ADHS ist ein Zusatz." Viele identifizierten sich mit dem Autismus als Teil ihrer Person — und erlebten die ADHS als etwas, das stört. Die Stichprobe ist klein (sechs Frauen aus Großbritannien) und die Studie qualitativ; verallgemeinern lässt sich das nicht. Als Beschreibung eines Erlebens, das im Beratungsraum begegnet, ist es trotzdem brauchbar.
Was die neuere Forschung zeigt
Drei Arbeiten aus den letzten beiden Jahren sind für die Praxis besonders aufschlussreich.
Die Kombination geht mit mehr Belastung einher. In der Untersuchung von Brancati und Kolleg:innen (2025) unterschied sich die Gruppe mit erhöhten Autismus-Merkmalen von der übrigen ADHS-Gruppe deutlich: stärker ausgeprägte ADHS-Symptomatik, ausgeprägtere emotionale Dysregulation, mehr Angst- und affektive Störungen — besonders soziale Angst —, dazu stärker gestörte Biorhythmen und ein ausgeprägter Abendtyp. Wer also müde Klient:innen mit unregelmäßigem Schlaf und sozialer Angst vor sich hat, sieht möglicherweise kein Motivationsproblem, sondern ein Muster.
Monotropismus liegt quer zu beiden Kategorien. Anna Papińska (2026) bildete aus den Daten von 101 klinisch untersuchten Erwachsenen drei Profile. Der Monotropismus-Wert unterschied diese Profile statistisch nicht — die höchsten Werte fanden sich aber im gemischten Profil. Auch der Monotropism Questionnaire von Garau und Kolleg:innen zeigte die höchsten Werte bei Menschen mit beiden Beschreibungen. Beides deutet in dieselbe Richtung: Die Art, Aufmerksamkeit zu bündeln, folgt nicht den Diagnosegrenzen.
Die Diagnose kommt spät — und für Frauen besonders spät. Craddocks Befragte erhielten ihre Diagnosen zwischen 34 und 55 Jahren, und der Weg dahin war von Unsicherheit geprägt: „Es passte nicht ganz." — „Da blieben Lücken." Mehrere berichteten von der Sorge, ihnen werde nicht geglaubt, und von Selbstzweifeln, die auch nach der Diagnose blieben.
Grenzen des Modells und wissenschaftliche Einordnung
Das Window of Tolerance ist eines der am weitesten verbreiteten Modelle in der Traumaarbeit — und das aus gutem Grund: Es ist intuitiv verständlich, klinisch nützlich und neurobiologisch plausibel. Dennoch ist es wichtig, seine Grenzen zu kennen:
Es ist eine Metapher, kein Messinstrument. Das Toleranzfenster lässt sich nicht direkt messen oder quantifizieren. Es gibt keine diagnostische Skala, die die „Breite" des Fensters erfasst. Die HRV bietet einen Annäherungswert für autonome Flexibilität, ist aber kein direktes Maß des Toleranzfensters.
Die Grenzen zwischen den Zonen sind fließend. In der klinischen Realität erleben Menschen häufig Mischzustände — etwa gleichzeitige Anspannung und Dissoziation, oder schnelles Pendeln zwischen Hyper- und Hypoarousal (Corrigan et al., 2011). Das Modell kann diese Komplexität nur begrenzt abbilden.
Die Verbindung zur Polyvagaltheorie. Das Modell wird häufig zusammen mit der Polyvagaltheorie dargestellt — Hyperarousal entspricht sympathischer Aktivierung, Hypoarousal dorsal-vagaler Aktivierung, das Toleranzfenster ventral-vagaler Regulation. Diese Zuordnung ist klinisch brauchbar, teilt aber die wissenschaftlichen Kontroversen der PVT (siehe Glossar-Eintrag: Polyvagaltheorie).
Die empirische Evidenzbasis wächst. Corrigan, Fisher und Nutt (2011) haben das Modell neurobiologisch untermauert; Lanius et al. (2010) haben die Hyper-/Hypoarousal-Unterscheidung in Neuroimaging-Studien bestätigt. Das Modell ist also nicht rein spekulativ — aber es bleibt ein klinisches Rahmenkonzept, kein experimentell getestetes Konstrukt im engeren Sinne.
Trotz dieser Einschränkungen bleibt das Window of Tolerance eines der nützlichsten Werkzeuge für die Arbeit mit Klient:innen — weil es eine gemeinsame Sprache für körperliche und emotionale Zustände bietet, die sowohl für Fachpersonen als auch für Klient:innen zugänglich ist.
Vertiefung:
Window of Tolerance: Das wichtigste Konzept für traumasensibles Coaching·
Warum Atemübungen bei Trauma nicht immer helfen·
Dissoziation im Coaching erkennen Quellen
Corrigan, F. M., Fisher, J. J. & Nutt, D. J. (2011). Autonomic dysregulation and the Window of Tolerance model of the effects of complex emotional trauma. Journal of Psychopharmacology, 25(1), 17–25.
doi:10.1177/0269881109354930Lanius, R. A., Vermetten, E., Loewenstein, R. J. et al. (2010). Emotion modulation in PTSD: Clinical and neurobiological evidence for a dissociative subtype. American Journal of Psychiatry, 167(6), 640–647.
doi:10.1176/appi.ajp.2009.09081168Ogden, P., Minton, K. & Pain, C. (2006). Trauma and the Body: A Sensorimotor Approach to Psychotherapy. W. W. Norton.
Siegel, D. J. (1999). The Developing Mind: How Relationships and the Brain Interact to Shape Who We Are. Guilford Press.
Thayer, J. F. & Lane, R. D. (2009). Heart rate variability, prefrontal neural function, and cognitive performance. Annals of Behavioral Medicine, 37(2), 141–153.
doi:10.1007/s12160-009-9101-zVan der Kolk, B. (2014). The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma. Viking.